»Das Sein bestimmt das Bewusstsein« wird Karl Marx gern sinngemäß zitiert. Es ist eine Feststellung, die inzwischen hundertfünfzig Jahre alt ist – Zeit genug, dass die Ideologien, die sich auf sie berufen, längst (und zumindest temporär) wieder darniederliegen.
Die Eignung als Maxime für eine Gesellschaftsordnung ist somit zweifelhaft, aber in meiner Eigenschaft als Romanautor kann ich berichten, dass sie mir als extrem nützliches Werkzeug dient.
Eines der zentralen Probleme beim Schreiben ist die Erschaffung von lebendigen, vielschichtigen Charakteren. »Das Sein bestimmt das Bewusstsein« gibt hierfür eine praktische Leitlinie. Simpel ausgedrückt: Du hast dein Szenario und siehst einfach genau hin. Welche Rolle spielt Charakter Y darin? Er ist, sagen wir ein Banker. Wie sieht der Alltag eines Bankers aus? Wie sind seine Arbeitszeiten? Was macht er den lieben langen Tag über? Ist er gezwungen Dinge zu tun, die moralisch zweifelhaft sind? Was für eine Biersorte trinkt er nach Feierabend mit den Kollegen? Trinkt er überhaupt Bier? Sitzt er überhaupt jemals mit den Kollegen zusammen?
Dieses Fragespiel lässt sich unendlich fortsetzen, aber ist mit Vorsicht zu genießen. Es führt mit etwas Glück zu einem Charakter, den man buchstäblich in- und auswendig kennt, ist aber auch eine Falle. Denn jeder Charakter, auch die Hauptfigur, muss sich dem Gesamtgefüge der Geschichte unterordnen. Das kann bedeuten, dass für einen Charakter weniger Raum vorhanden ist, als man es sich wünschte.
Ein gutes Beispiel dafür ist eine Figur aus Perry Rhodan 2500: Frequenzfolger Sinnafoch.
Im Jubiläumsheft (das ungefähr 150.000 Dinge leisten soll, dazu mehr hier) hat der Vatrox eine klar definierte Rolle: Sinnafoch ist der Schurke, der Anführer der Bösen. Und auch wenn ihn die Begegnung mit den Terranern, die in einer unvermuteten Niederlage endet, erschüttert, bleibt er durch das Geschehen im Grunde unverändert. Sinnafoch erfüllt seine Funktion, mehr nicht.
Im Gesamtgefüge des Romans ist das stimmig, aber mir behagte das nicht. Sinnafoch, spürte ich, hat weit mehr Potential. Und mit den Romanen 2529 »Der Weg des Vatrox« und 2530 »Der Oxtorner und die Mehandor« (und, so viel kann ich verraten, auch mit Perry Rhodan 2535) erhielt ich die willkommene Gelegenheit, Sinnafochs Potential auszuloten.
In beiden Romanen steht Sinnafoch im Mittelpunkt. Er bekommt entsprechend Raum … und den Rest erledigt die Maxime »Das Sein bestimmt das Bewusstsein«. Sinnafoch wird in ein neues Sein geworfen. Er ist Gefangener statt Feldherr, statt von der Zentrale eines Raumschiffs oder eines Polyport-Hofs Befehle zu geben, muss er auf sich allein gestellt gegen die rabiate Natur der Extremwelt Oxtorne behaupten, statt Macht bleibt ihm nur bittere Ohnmacht.
Und, siehe da, Sinnafoch lebt. Er überlebt, er lebt auf, er lebt so intensiv, stellt er verblüfft fest, wie niemals zuvor. Er überrascht sich selbst und – das Beste, was einem Autor passieren kann – seinen Schöpfer.
Ich bin gespannt, wohin die Wege des Vatrox uns noch führen werden …
PS: Wer mit anderen Lesern über den Roman diskutieren möchte, findet hier den entsprechenden Thread (vorsicht Spoiler!) im Verlagsforum. Und natürlich sind Kommentare hier im Blog willkommen!
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