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Die Asimaner kommen!

Ich schreibe Science Fiction. Ich bin Vater.

Es sind zwei Rollen, die meinen Mitmenschen zuweilen unvereinbar anmuten – wer Raumschiffe im Kopf hat, hat keinen Kopf für Anderes, schon gar nicht für Kinder, so offenbar die Auffassung – deshalb hier eine kleine Korrektur: doch, es geht (sogar prima, die meiste Zeit) und nein, ich schreibe über ferne Welten, aber ich lebe nicht in ihnen. Mein Büro gleicht weder einem Raumschiffscockpit noch sind die Wände mit einschlägigen Postern gepflastert, noch versinke ich in Merchandise. (»Krempel«, wie es früher einmal hieß …)

Aber ich liebe Bücher. Weshalb ich viele besitze, mit bunten, oft schreiend bunten Covern. Dementsprechend ist mein Sohn Tim, der diesen Sommer fünf wird, mit Raumschiffen, Planeten in Großansicht und Aliens in – oftmals glitschigem – Detail vertraut.

Und, ich gestehe, als Vater hege ich manchmal den Traum, dass Tim sich an ähnlichen Dingen begeistert wie ich. (In Maßen wenigstens. Meine derzeitige Standardantwort darauf, wie es sich als Autor lebt, ist: »Wollte mein Sohn Autor werden, ich würde es ihm verbieten!«)

Das ist jetzt geschehen, allerdings anders als ich es mir je hätte erträumen lassen …

In unserer Küche steht ein CD-Player, daneben ein Stapel CDs. Eigentlich über der Griffhöhe von neugierigen Fünfjährigen, aber natürlich mit Hilfe eines Stuhls und etwas Kletterei ein Kinderspiel. Tim schaut sich oft die CDs an, und eines Tages kam es, dass er plötzlich eine Doppel-CD in der Hand hielt: »Jeff Wayne’s Musical Version of The War of the Worlds«. Ein Klassiker von Ende der Siebziger, definitiv in meiner persönlichen Top Ten, mit hübsch gemachtem, bebildertem Booklet – und definitiv nichts für Kinder.

Aber was kümmert das ein Kind?

»Was ist das für eine CD?«, wollte Tim wissen, blätterte durch das Booklet und ich gab Antwort, so gut ich konnte. »Es ist eine Geschichte«, erklärte ich, »aber keine wahre. Sie handelt von Marsianern, die die Erde erobern wollen, und die Maschinen auf den Bildern sind ihre Roboter.«

»Asimaner?«, fragte Tim. »Was sind Asimaner?«

»Marsianer«, antwortete ich. »Sie kommen vom Mars.«

Und Tim fragte: »Sind Asimaner Menschen?«

Damit hatten die Marsianer ihren neuen Namen weg. Sie sind und bleiben für Tim »Asimaner«. (Wieso, wird mir auf immer ein Rätsel bleiben, tendiert Tim doch schon jetzt dazu, mir rhetorisch überlegen zu sein und kriegt sonst die Aussprache von fast jedem Wort hin.)

Tim wollte natürlich mehr über die Asimaner wissen. Bald wollte er die CD hören – und jetzt, jetzt hört er sie ständig.

Nein, wir. Denn sein bevorzugter Platz ist auf meinem Schoß, wo er sein Müsli mampft und mir Löcher in den Bauch fragt. Was war das für ein Geräusch? Wieso ist die Musik jetzt so traurig? Wieso jetzt so fröhlich? Und immer wieder: Was hat der Mann gerade wieder gesagt?

»Der Mann« ist Richard Burton, der Erzähler. Er berichtet von der Invasion der Marsianer und dem Untergang unserer Zivilisation – und ich bin sein Übersetzer. Ein diplomatischer Vermittler zwischen den Welten und – Tim, wenn du das hier in ein paar Jahren liest, wirst du mir hoffentlich verzeihen – um eine, sagen wir, altersgerechte Interpretation der Ereignisse bemüht.

So gut es eben geht.

Also manchmal nicht ganz so gut.

Auf der zweiten CD des Sets gibt es folgende Szene: Der Erzähler ist in einem Keller zusammen mit einem Pfarrer gefangen, der über den Tod seiner Frau den Verstand verloren hat. Über ihnen hocken die Marsianer, die Menschen fangen, ihnen das Blut abzapfen und sich selbst injizieren. Schließlich wird der Druck zu groß, der Pfarrer verliert den letzten Rest von Verstand. Er schreit auf, die Marsianer finden ihn und schleppen ihn nach oben, um ihn auszusaugen …

Tim fragt: »Was ist da los?«

Ich: »Hm, die Marsianer verschleppen den Pfarrer.«

Tim: »Wohin? Was machen die Asimaner mit ihm?«

Ich: (Mit dem Mut zu einem Schuss Wahrheit) »Hm, äh … sie mache ihn wohl … äh … tot.«

Tim (ungerührt): »Wie?«

Ich: »Vielleicht mit einer Pistole?«

Tim (ungerührt): »Asimaner haben keine Pistolen.«

Ich: »Mit einem Feuerstrahl?«

Tim: (ungerührt) »Nein. Es hat nicht gezischt.« (Wie gesagt, er hört genau hin.)

Ich: »Vielleicht haben sie ihn ganz arg gehauen? Wenn man jemanden ganz arg haut, ist er auch tot.«

Tim: »Geht nicht.«

Ich: »Wieso?«

Tim: »Asimaner haben Krallen, sie können nicht hauen. Die Asimaner haben ihn beim Verschleppen mit ihren Krallen zerrissen.«

Ich: »Ah ja … wenn du meinst.«

Nachdem diese Frage geklärt ist, löffelt Tim zufrieden weiter an seinem Müsli … und wir beide lernen weiter. Über Invasionen und ihren Sinn oder Unsinn: »Wieso erobern die Asimaner die Erde?«, legt Tim den Finger in die eigentliche Wunde. Darauf weiß ich keine Antwort und werde wohl keine finden. (Sachdienliche Hinweise werden gerne entgegen genommen.) Über Raumfahrt – wer baut die besseren Raumschiffe: wir oder die Asimaner? Über Astronomie – der Mars ist größer als die Erde, schon gewusst? (Zumindest behauptet Tim das steif und fest :-) ) Über weiße und rote Blutkörperchen und das Immunsystem von Menschen und Asimanern. Die Liste der Dinge, die wir lernen, scheint endlos.

Und das Beste ist: die praktische Konsequenz von theoretischem Wissen. Nicht Menschen haben die Asimaner besiegt, sondern Bakterien. Seit Tim das weiß, schrubbt er mit einem Elan die Bakterien von den Zähnen, der nicht von dieser Welt anmutet.

Danke, Asimaner! Ihr könnt kommen!

PS1: Mittlerweile gibt es eine fast unübersehbare Zahl von Ausgaben des Musicals. Das Amazon-Link im Text oben verweist auf die neueste, die zum dreißigsten Jahrestag der Erstveröffentlichung erschienen ist. Eine MP3-Version von War of the Worldsgibt es ebenfalls bei Amazon.

PS2: Ein ganz besonderer Dank geht an Marc A. Herren (den Neu-Canarier), der sich die Asimaner vor der Veröffentlichung noch einmal kritisch angeschaut hat. Evtl. verbliebene Fehler gehen ganz und gar auf mein Konto.

© Frank Borsch, 2009. Text-Adresse: http://www.blosse-worte.de/?p=639

6 comments to Die Asimaner kommen!

  • Die Größe stimmt nicht: 1 Mars = 0,5 Erden, ungefähr, im Durchmesser, und nur eine Viertelerde in der Fläche (vgl. Wikipedia).

  • Marco Scheloske

    Hallo Frank,

    ich kann die Begeisterung für die Jeff Wayne Version von War of the Worlds seeeeehr gut verstehen, geht es mir doch genauso. Ich habe vor einiger Zeit mal ein Modell der “Come on, THUNDER CHILD!”-Szene gebaut – hier ein Link dazu: http://www.phoxim.de/marco_scheloske_thunderchild/marco_scheloske_thunderchild.html

    Als vor einigen Monaten Jeff Wayne mit dem Musical in Oberhausen Station gemacht hat war ich auch dort und hatte nach der Vorstellung dank meines Freundes Robert Vogel die tolle Gelegenheit, in Backstage zu treffen und ihm ein gerahmtes Bild des Modelles zu übereichen, außerdem habe ich mir ein identisches signieren lassen. Das war ein unvergessliches Erlebnis für mich!

  • Frank Borsch

    Hast du natürlich Recht, Till – aber Tim ist anderer Auffassung und der Herr Papa und Autor hat das in seinem Text nicht klar genug gemacht. Habe nachgebessert. ;-)

  • Frank Borsch

    Hallo Marco,
    danke für dein Link – wow! Romane kann ich (vielleicht) schreiben, aber so was? Niemals!

  • a3kHH

    Ich habe das gleiche Problem mit der deutschen Fassung (Sprecher : Curd Jürgens) gelöst. :-)

  • Frank Borsch

    Clever gelöst :-) Die Curd-Jürgens-Fassung habe ich, glaube ich, nur ein oder zweimal gehört, und das muss zwanzig Jahre her sein. Habe sie aber in guter Erinnerung …

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